11. Juli 2017

Leserbriefe

„Wie soll das aussehen?“

Zum Kommentar „Zeit zum Gegensteuern“ in der Ausgabe vom 5. Juli erreichten die Redaktion nachfolgende Leserbriefe von Juliane Kamphus und Lukas Borsina. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Es besteht kein Anspruch auf Abdruck. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruftelefonnummer (beides nicht zur Veröffentlichung) an info@schwalbacher-zeitung.de .

„Wie soll das aussehen?“

Kapitalismus in der Kinderbetreuung? Ist das Ihr Ernst, Herr Schlosser? Den Vorschlag in den „Spitzen“ der letzten Woche finde ich alles andere als spitze! Herr Schlosser schlägt vor, statt bedarfsdeckender Nachmittagsbetreuung der Grundschulkinder in städtischen Einrichtungen den Eltern Geld für eine eigenverantwortliche Kinderbetreuung zu geben. In der Kinderbetreuung sollten nach Herrn Schlossers Meinung die Gesetze des freien Marktes herrschen, damit sich, so deutet er an, die Stadtverwaltung mehr um die Verwaltung der Stadt als um die Belange der Schwalbacher Kinder kümmern kann. Kinder gehören zur Stadt, sie sind die Zukunft der Stadt! Schwalbach hat daher zu Recht in die Betreuung nicht nur der Krippen- und Kindergartenkinder, sondern auch der Grundschulkinder investiert. Nur eine Stadt, die die Infrastruktur für junge Familien ausbaut und Berufstätigkeit der Eltern ermöglicht, hat auf Dauer eine Zukunft. Ja, Kinder kosten Geld und machen Mühe, wer weiß das besser als die Familien. Aber eine Stadt ohne Kinder ist sehr viel ärmer, auf Dauer auch finanziell.
Eine eigenverantwortliche Betreuung im freien Markt schlägt Herr Schlosser vor, bezuschusst von der Stadt. Wie soll das aussehen? Durch das bisher bedarfsdeckende Angebot gibt es keine private Einrichtung. Allein für die derzeit fehlenden 26 Plätze wären mindestens sechs Tagesmütter oder -väter erforderlich – auch die sind nicht vorhanden beziehungsweise bereits mit der Betreuung der Unter-Dreijährigen befasst. Einer bleibt zuhause? Wie hoch soll denn der Zuschuss der Stadt sein? Wie soll die Stadt das bezahlen?
Was mich am meisten am Vorschlag von Herrn Schlosser ärgert, ist die mangelnde Wertschätzung für die hervorragende pädagogische Arbeit in unseren Schulkinderhäusern. Die Vielfalt des Angebots für die Kinder, die kreativen Möglichkeiten und vor allem das Miteinander mit vielen anderen Kindern, große Außengelände für freies Spielen und Erleben, all das kann man in kleinen Betreuungslösungen nicht erreichen. Und das nicht allein der Geldbeutel der Eltern darüber entscheidet, wie ein Grundschulkind die Zeit nach dem Unterricht verbringt, trägt sehr zur Chancengerechtigkeit und zu einem gesunden Sozialleben in Schwalbach bei.
In einem Punkt stimme ich Herrn Schlosser zu: auf Dauer ist eine dezentrale Erweiterung der Schulkinderhäuser durch weitere Zweigstellen nicht sinnvoll. Daher plant die Stadt derzeit, die ehemalige Sparkasse in der Schulstraße für drei Jahre zu nutzen, um den akuten Bedarf zu decken und Überbelegung in den bestehenden Einrichtungen zu vermeiden. Was danach kommt, darüber muss jetzt nachgedacht werden. Das hat Herr Schlosser zwar getan, aber sein Kurs „zum Gegensteuern“ führt meiner Meinung nach in eine sehr graue Zukunft für Schwalbach.

Juliane Kamphus, Schwalbach

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„Will Schwalbach lebenswert bleiben?“

Als ich vor bald fünf Jahren nach Schwalbach gezogen bin, habe ich als erstes folgendes gelernt: Die größte Sorge der meisten Eltern von kleinen Kindern im Ort ist, ob sie einen passenden Betreuungsplatz für Ihre Kinder bekommen, wenn diese das Kindergartenalter erreichen – von der Betreuungssituation für unter-3jährige gar nicht zu sprechen. Nun, ein paar Jahre später, hat sich das Gleiche mit den Hortplätzen für die angehenden Erstklässler wiederholt. Erst fünf Wochen vor Schulbeginn gab es Gewissheit für Eltern, Kinder und Arbeitgeber. Aber wenn es nach Ihnen geht, ist das auch gut so.
Sie wollen das Thema Kinderbetreuung einem Markt überlassen, von dem Sie selbst in Ihrer Einleitung anzweifeln, dass er das Problem besser lösen könnte. Und es ist auch wiederholt bewiesen, dass er es nicht kann, zumindest nicht billiger.
Damit bleibt von Ihrer Argumentation nur mehr das Verhältnis von Verwaltungsbediensteten zu Personen in der Kinderbetreuung. Was soll das bitte für ein Argument sein? Bloß weil sich die Verwaltungsaufgaben einer Gemeinde mit weniger Personal bewältigen lassen, als die Betreuung ihrer Kinder soll weniger für die Kinderbetreuung getan werden? Meine alte Heimat Wien wäre nach Ihrer Argumentation eine Krankenhausverwaltung mit angehängter Administration einer Millionenstadt. Wenn man die Bediensteten nicht direkt bei der Stadt beschäftigen will, kann man auch Anreize für private Träger schaffen. Aber wie in meinem vorangegangenen Absatz beschrieben, würde das die Sache nicht billiger machen.
Die Frage ist, ob Schwalbach eine lebenswerte Stadt für Eltern mit Kindern sein will oder nicht. Wenn man mit Neubaugebieten junge Familien anlockt, dann sollte man ihnen auch etwas bieten. Denn die Probleme vor denen die Stadt in den letzten Monaten gestanden hat und die nun mit einem Provisorium gelöst werden, waren bei einem Blick in die Bevölkerungsstatistik wohl schon Jahre im Voraus abzusehen. Ja, es ist an der Zeit gegenzusteuern, aber nicht gegen die Unterstützung junger Familien, sondern gegen das Ignorieren vorhersehbarer Probleme.

Lukas Bosina, Schwalbach

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Anmerkung des gescholtenen Autors:

Die Stadt Schwalbach bezuschusst jeden Ganztagskita- und Schulkinderhausplatz zurzeit faktisch mit rund 1.600 Euro pro Monat und Kind. Als Vater dreier Kinder kann ich versichern, dass man auch ohne städtische Unterstützung keine 4.800 Euro pro Monat ausgeben muss, um drei Töchter kindgerecht, liebevoll und pädagogisch wertvoll zu betreuen oder betreuen zu lassen.

Mathias Schlosser

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