21. Juli 2020

Alida Dethmers feierte gestern ihren 75. Geburtstag

Drei Länder in einem Herzen

Kämpferin, Großmutter, Provokateurin, Tänzerin, Aktivistin und vieles mehr: Alida Dethmers polarisiert wie kaum eine andere Schwalbacherin. Am Montag wurde die resolute Deutsch-Mexikaner-Amerikanerin 75 Jahre alt. Foto: Archiv

Für die einen ist sie so etwas wie ein rotes Tuch, für die anderen hat sie Kult- oder Heldenstatus. Seit drei Jahrzehnten scheiden sich in Schwalbach die Geister an Alida Dethmers. Am gestrigen Montag feierte sie ihren 75. Geburtstag.

Alida Dethmers Lebensthema ist Migration. Und kaum jemand kennt sich damit besser aus als sie. Denn es war das Schicksal von Alida Dethmers, immer Grenzgängerin zu sein, als Kind und Jugendliche zwischen Mexiko und Kalifornien und dann später als Latina in Deutschland. 1945 wird sie in den USA als Tochter einer deutschstämmigen Mutter und eines angesehenen mexikanischen Juristen geboren. Sie wächst in Mexiko und Kalifornien auf und geht dann mit ihrem Mann Reiner – einem Flugkapitän der Lufthansa – nach Deutschland. 1969 zieht das Paar nach Schwalbach, wo sie sich seit den frühen 90er-Jahren in vielfältiger Weise engagiert.

Sie saß viele Jahre lang im Ausländerbeirat, half Flüchtlingen, lange bevor es eine offizielle Flüchtlingshilfe gab. Sie gehörte zu den Gründern der Bürgerinitiative Wildwiese und organisierte Benefizveranstaltungen für Erdbebenopfer.

Oder aber sie kümmerte sich im Hintergrund um größere und kleinere Alltagsprobleme von Migranten, die wie sie nirgendwo fest verwurzelt sind. „In meinem Herzen trage ich drei Länder“, sagt Alida Dethmers, die die mexikanische Nationalhymne genauso inbrünstig auf Spanisch singen kann, wie die amerikanische auf Englisch und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auf Deutsch. In Deutschland und speziell in Schwalbach fühlt sie sich jetzt aber endgültig zu Hause. So hat sie vor zwei Jahren doch noch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, auch wenn sie dafür ihren amerikanischen oder ihren mexikanischen Pass abgeben muss.

Auf das Thema Migration hat sie eine ganz eigene, pragmatische Sichtweise. Sie macht keine Kompromisse, wenn jemand fremden- oder ausländerfeindlich daherkommt. Aber sie macht genauso wenig Kompromisse, wenn sich Migranten nicht integrieren oder nicht Deutsch lernen wollen. „Manche denken, sie könnten hier machen, was sie wollen. Dagegen muss man etwas tun, sonst wächst die Unordnung.“

Und so schimpft sie bisweilen über deutsche Rentner genauso wie über marokkanische Mütter oder türkische Jugendliche oder über Kommunalpolitiker, die die Augen sowohl vor Rassismus als auch vor Islamismus verschließen. Freunde macht man sich damit nicht, erst Recht nicht, wenn man so direkt und temperamentvoll ist wie Alida Dethmers. Wo andere den Konsens suchen, weigert sie sich beharrlich auf Kompromisse einzugehen, die ihrer Meinung nach faul sind.

Ihr Temperament zeigt sie auch auf Festen und Feiern. Es gab in den vergangenen Jahren kaum ein Altstadtfest, einen Sommertreff oder irgendeine größere Veranstaltung, an der Alida Dethmers und ihr Mann nicht teilnahmen. Meist tanzt sie von Anfang bis Ende – zur südamerikanischen Salsa genauso wie zur böhmischen Polka. Von ihrer angeschlagenen Gesundheit lässt sie sich dabei nicht bremsen und kommt gelegentlich mit dem Rollator an die Tanzfläche, was dann auch wieder nicht jedem gefällt.

Zu ihrem Geburtstag gratulierten am Montag ihr Mann, ihre Tochter, ihr Sohn und die mittlerweile drei Enkel. Die Rolle der Großmutter gefällt der jetzt 75-Jährigen im Grund auch besser als die der Kämpferin. Doch wenn ihr eine Sache am Herzen liegt, dann kann sie einfach nicht anders. MS

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