26. August 2021

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

In ihrem neuen Buch „Ciao“ hat Johanna Adorján unsere Gegenwart in einen Roman gegossen. Evie Wylds Roman „Die Frauen“ ist zugleich Kampfschrift und Familiensaga über eine Welt, die den Männern allein gehört. Jürg Schubiger beschäftigt sich in seinem Kinderbuch „Mein Bruder und ich und die Katze im Wald“ mit der Frage, wie man Vertrauen gewinnen kann.

 

„Ciao“

Johanna Adorján entwirft mit „Ciao“ eine Gesellschaftssatire, die extrem komisch ist und gleichzeitig schmerzhaft heutig. Ist der Untergang des alten weißen Mannes beschlossene Sache oder sollte man mit dieser Spezies doch gnädig sein?

Hans Benedek, einst ein gefragter Feuilletonist, hat seinen Bedeutungsverlust selbst noch gar nicht realisiert. Er wähnt sich weiterhin als Mann von beträchtlichem Einfluss, glaubt, dass alle Welt die Ohren spitzt, wenn er einen Gedanken formuliert. Aber die Zeichen mehren sich, dass sich etwas verändert hat. Seine ständigen Affären mit Praktikantinnen sind nicht mehr so unbeschwert wie noch vor einigen Jahren. Seine Tochter beschimpft ihn als Mörder, da er immer noch Bacon zum Frühstück isst. Als seine Frau ihn auf die Idee bringt, ein Porträt über die gefragteste junge Feministin des Landes zu schreiben, wittert Hans seine Chance. Doch die Begegnung mit ihr wird Hans in einen Abgrund von bisher ungekannter Tiefe stürzen.

Ein Roman über Menschen, über die die Zeit hinweggegangen ist. Über Leute von gestern im heutigen Leben. Übers Älterwerden. Und ein bisschen auch über die Liebe.

Johanna Adorján, geboren 1971 in Stockholm, wuchs in München auf und studierte Theater- und Opernregie. Seit 1994 arbeitet sie als Journalistin, ab 2001 fürs Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, heute für die Süddeutsche Zeitung. Ihr erstes Buch, der Bestseller „Eine exklusive Liebe“, erschien 2009 und wurde in 16 Sprachen übersetzt. 2013 folgte der Erzählungsband „Meine 500 besten Freunde“, 2016 ihr Roman „Geteiltes Vergnügen“, 2019 ihr Buch „Männer“. Johanna Adorján lebt in Berlin.

Johanna Adorján: „Ciao“
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021. 272 Seiten, 20 Euro.

 

„Die Frauen“

Der Bass Rock wirft seit Jahrhunderten einen Schatten auf North Berwick und seine Bewohner. Neu unter ihnen: Ruth Hamilton, die in den Jahren nach dem Krieg mit ihrem Mann und zwei Stiefsöhnen in ein zugiges Haus am Meer zieht. Ruth ist zum ersten Mal schwanger und zusehends allein: die Kinder im Internat, der Mann über Wochen in seiner Londoner Kanzlei. Als Großstädterin hadert sie mit der Abgeschiedenheit und auch mit den sonderbaren Gebräuchen der einheimischen Gesellschaft. Ein Strandpicknick mitten im Winter? Die Frauen eigenartig kostümiert? Ruth passt sich an, ein wenig. Bis sie begreift: Das hier passiert nicht nur ihr. Es ist ein altes Spiel. Sie soll es nicht gewinnen.

Ein halbes Jahrhundert später, das Anwesen am Bass Rock steht zum Verkauf, kommt wieder eine Frau in den Norden. Viv hadert mit ihrem Single-Dasein, aber auch mit den Gelegenheiten, es zu beenden. Außerdem schläft sie schlecht, in jedem der Betten in dem alten Haus. Ihr ist, als würde sie heimgesucht von dunklen Geschichten. Geschichten von aufsässigen Frauen, von Frauen in Bedrängnis. Und ihre Stiefgroßmutter Ruth ist nur eine davon.

Evie Wyld, 1980 in London geboren und in Australien aufgewachsen, erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen und Preise, unter anderem den John Llewellyn Rhys Prize, den Miles Franklin Award, den Literaturpreis der Europäischen Union und zuletzt für „Die Frauen“ den Stella Prize 2021. Sie wurde nicht nur als eine von Grantas „Best of Young British Novelists“, sondern auch von der BBC als eine der zwölf besten neuen Schriftstellerinnen ausgezeichnet. Wyld lebt im Londoner Stadtteil Peckham.

Evie Wyld: „Die Frauen“
Übersetzt von Tanja Handels
Rowolth Verlag, 2021. 512 Seiten, 22 Euro.

 

„Mein Bruder und ich und die Katze im Wald“

Wie kaum jemand konnte der 2014 verstorbene Autor Jürg Schubiger von Außergewöhnlichem so erzählen, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, so auch hier: Zwei Brüder treffen im Wald eine Katze, die weint, weil sie sich verlaufen hat. Die beiden verwandeln sich in einen Wolf, einer in das Wolfsgebiss, der andere in den Rest, und bieten Hilfe an.

Weil die Katze dem Wolf nicht traut, verwandeln sie sich in eine kleine Spinne. Einer in die acht Beine, der andere in den Rest. Auch deren Hilfe weist die Katze zurück. Als die Brüder sie nicht einmal mit der Botschaft einer Brieftaube trösten können, haben sie das Gejammer satt. Aber auch die Katze hat es satt. „Ihr hört auf mit dem faulen Zauber und zeigt mir den Weg, aber sofort!“ Sie ist jetzt ein gewöhnliches Mädchen und der Heimweg zu dritt wird vergnüglich. Zum Abschied verwandelt sich der eine Bruder in ein Taschentuch, der andere winkt mit ihm.

Die Illustratorin Eva Muggenthaler ist einmal mehr Jürg Schubigers kongeniale Begleiterin durch eine erstaunliche Geschichte. Inspiriert entfaltet sie fantastische Räume, baut Kulissen, in die die Figuren hinein und wieder heraus spazieren. Schwungvoll setzt sie die Jungenstreiche in Szene und spinnt mit leichter Hand weiter, was der Autor geradlinig, feinsinnig und überraschend erzählt.

Jürg Schubiger & Eva Muggenthaler: „Mein Bruder und ich und die Katze im Wald“
Peter Hammer Verlag, 2021. 24 Seiten, 15 Euro.

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