3. August 2023

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

Amélie Nothomb zeichnet in „Der belgische Konsul“ ein intimes Familienporträt, aber auch die Geschichte einer Welt im Wandel. Marvel Morenos erstmals ins Deutsche übersetzte karibische Saga „Im Dezember der Wind“ ermöglicht die lange überfällige Entdeckung einer faszinierenden Erzählerin. In seiner Autobiographie „Rückkehr nach Mendocino“ nimmt uns Michael Holm mit auf eine Tour durch seine Karriere und die Achterbahn eines erstaunlichen Lebens.

 

„Der belgische Konsul“

Mit 28 Jahren scheint das Leben von Patrick Nothomb schon vorbei zu sein. Ein Leben, das ihn 1964 geradewegs vor ein Erschießungskommando im Kongo und mitten in die größte Geiselnahme des 20. Jahrhunderts geführt hat. Amélie Nothomb erzählt vom Leben ihres Vaters, von einer Welt starrer Regeln am Vorabend des Zweiten Weltkrieges und einer wilden Kindheit im verfallenden Familienschloss in den Ardennen. Vor allem aber zeigt sie eine Welt im Wandel, in der eine junge Generation für ihre Freiheit kämpft. Nicht nur gegen die Generation der Eltern, sondern auch gegen die Unterdrückung durch die alten Kolonialmächte. Ein Kampf, in dem es nicht nur Sieger gibt.

Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Ihre Romane erscheinen in über 40 Sprachen. Für „Mit Staunen und Zittern“ erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française, für „Der belgische Konsul“ den Prix Renaudot 2021 und den Premio Strega Europeo. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Amélie Nothomb: „Der belgische Konsul“
Übersetzt von Brigitte Große
Diogenes, 2023. 144 Seiten, 23 Euro.

 

„Im Dezember der Wind“

Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt – und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint.

Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung – vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden.
Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur – endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.

Marvel Moreno gehört zu den großen Vergessenen der lateinamerikanischen Literatur. 1939 in Barranquilla/Kolumbien geboren, wurde sie als Karnevalskönigin landesweit bekannt. Diese öffentliche Wahrnehmung wurde Moreno kaum wieder los – auch nicht, als sie sich Ende der sechziger Jahre im Grupo de Barranquilla um Gabriel García Márquez als ernstzunehmende Schriftstellerin zu etablieren versuchte.

1971 beschloss sie daher, sich endgültig an ihrem Sehnsuchtsort niederzulassen: Paris. 1980 veröffentlichte sie ihren ersten Erzählungsband, 1987 dann den Roman „Im Dezember der Wind“. 1989 gewann das Buch in Italien den Premio Grinzane Cavour. Sie starb 1995 in Paris, erst 2020 erschien postum der Roman „El tiempo de las amazonas“. In Kolumbien längst als bedeutende Autorin etabliert, wurde sie zum Vorbild für zahlreiche Schriftstellerinnen der jüngeren Generation.

Marvel Moreno: „Im Dezember der Wind“
Übersetzt von Rike Bolte
Wagenbach, 2023. 432 Seiten, 32 Euro.

 

„Rückkehr nach Mendocino“

Ich hielt an und fragte „Wohin?“ – Sie sagte: „Bitte nimm mich mit nach Mendocino!“

Michael Holm, einer der größten Schlagerinterpreten Deutschlands, nimmt uns mit auf eine Tour durch seine sensationelle Karriere und die Achterbahn eines erstaunlichen Lebens. Wer sie hört, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf: Mit Ohrwürmern wie „Mendocino“ hat sich Michael Holm ins kollektive Musikgedächtnis der Deutschen gesungen. Er ist einer der erfolgreichsten Schlagerinterpreten überhaupt. Doch sein Schaffen reicht weit über seine großen Hits hinaus.

Jetzt erzählt er selbst von seinen vielen Leben: von Auftritten in jungen Jahren in den Kneipen der amerikanischen GI’s in Erlangen, von seinen Anfängen als Praktikant beim legendären Plattenlabel Hansa Musik von Peter Meisel, und davon, was hinter den Kulissen bei der ZDF-Hitparade passierte. Rückkehr nach Mendocino ist eine unvergessliche Zeitreise durch die Welt des Schlagers, der Popmusik und der alten BRD.

Michael Holm wurde 1943 als Lothar Walter in Stettin geboren. Nach der Flucht vor der anrückenden Roten Armee verbrachte er die ersten Nachkriegsjahre mit seiner Familie und seiner Zwillingsschwester in Wolfsburg, später in Erlangen. Er ist einer der erfolgreichsten Schlagersänger, Songwriter und Musikproduzenten Deutschlands, bekannt vor allem für „Mendocino“ (1969) und den Nummer-1-Hit „Tränen lügen nicht“ (1974). Fünf Mal wurde er mit der Goldenen Stimmgabel ausgezeichnet, drei Mal für den Grammy nominiert. Heute lebt er bei München.

Michael Holm mit Michael Kernbach: „Rückkehr nach Mendocino“
Hoffmann und Campe, 2023. 336 Seiten, 25 Euro.

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