12. Februar 2020

Leserbrief

„Überhaupt nicht zu viel des Guten“

Zum Kommentar „Zu viel des Guten“ in der Ausgabe vom 5. Februar erreichte die Redaktion nachfolgender Leserbrief von Jürgen Vits. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruf-Telefonnummer an info@schwalbacher-zeitung.de.

Ihre kaum kaschierte Kritik an der „Überdosis multimedialen Gedenkens“ halte ich auch in Anbetracht des wieder um sich greifenden Antisemitismus für nicht nachvollziehbar. Ich möchte an dieser Stelle nur an den Anschlagsversuch in Halle oder an die jüngsten antijüdischen Schmierereien in der Frankfurter Zeil erinnern. Es ist doch wirklich unfassbar: Heute fühlen sich Deutsche jüdischen Glaubens in unserem Land wieder einmal bedroht und müssen besonders geschützt werden. Tatsächlich bedroht der um sich greifende Hass uns alle!
Mit ihrer Beobachtung „es waren die gleichen Bilder, die gleichen Geschichten und die gleichen Phrasen wie im vergangen Jahr, wie im Jahr davor und wie im Jahr davor“ lassen Sie zwar ihren persönlichen Überdruss erkennen, aber offensichtlich haben Sie in den letzten Wochen die vielen neuen, sehr berührenden und fundierten Berichte ganz verschiedener Leidens- und Verfolgungsschicksale übersehen. Sie wünschen „Qualität“ vor „Quantität“? Dann lesen Sie bitte die jüngsten Beiträge in der Qualitätspresse oder in den Mediatheken von Qualitätssendern aus den letzten drei Wochen.
Da bald keine Zeitzeugen des Holocaust mehr leben werden und – Untersuchungen zufolge – der Wissensstand und das Interesse der nachwachsenden Generation an den Katastrophen und Untaten des 20. Jahrhunderts tendenziell abnimmt, hat auch das ritualisierte Erinnern an bestimmten Gedenktagen in Zukunft eine unverändert hohe Berechtigung. Und vergessen wir bitte nicht: Die NS-Geschichte ist bei vielen Deutschen in Wahrheit nicht wirklich aufgearbeitete Familiengeschichte. Wir benötigen in Zukunft daher nicht weniger, sondern eher mehr Erinnerungsarbeit, mehr Aufklärung und mehr Einsatz im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit. Wir brauchen aber weder „eine Suche nach neue Wegen“, noch eine „erinnerungspolitische Wende“, wie es die neue Rechte fordert. Denn wir erben die Erinnerungen der Überlebenden des Holocaust. Deren Schicksale sprechen auch in Zukunft direkt zu uns. Hören wir auf sie. Auch an den regelmäßig wiederkehrenden Gedenktagen.

Jürgen Vits,
Schwalbach

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