19. Februar 2020

Leserbrief

„Wir sollten jedes Jahr an ein anderes Opfervolk erinnern“

Zu den Leserbriefen in der Ausgabe vom 12. Februar erreichte die Redaktion nachfolgender Leserbrief von Egon Kerst. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruf-Telefonnummer an info@schwalbacher-zeitung.de.

Nun ist Matthias Schlosser Opfer eines Shitstorms geworden, noch dazu eines christlichen. Er hatte die Meinung (Im Kommentar „Zu viel des Guten“ in der Ausgabe vom 5. Februar, d. Red.) geäußert, dass er die medialen Veranstaltungen zum Holocaust als „Überdosis“ empfunden habe und kritisch angemerkt, „es waren die gleichen Bilder, die gleichen Geschichten und die gleichen Phrasen wie im vergangenen Jahr, wie im Jahr davor und wie im Jahr davor. Und es war viel zu viel von alledem.“
Ob es der Veranstaltungen zu viele waren, möchte ich nicht beurteilen. Wenn es mir zu viel wird, schalte ich den Fernseher ab oder lege die Zeitung zur Seite. Ich schreibe diesen Brief, weil die Reaktionen typisch für viele Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft geworden sind, meinen Vorstellungen von Meinungsfreiheit und von christlichem Denken und Handeln zuwiderlaufen und mir Sorge bereiten.
Als lebenslanges Mitglied der evangelischen Kirche finde ich es unerträglich, wie vier im Namen Christi agierende Menschen mit einem durch nichts gerechtfertigten Rundumschlag über einen Journalisten herfallen, der nichts Schlimmeres tat, als seine Meinung zur Gestaltung eines Gedenktages zu publizieren. Ich habe zwar in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Mitglied des Kirchenvorstands der evangelischen Limesgemeinde einige Enttäuschungen mit Pfarrern erlebt. Wenn Herr Schlosser aber wegen seines Artikels in die Nähe von Herrn Hoecke (AfD) gebracht wird, die „Tätergeneration in unseren Familien“ herangezogen wird und kritisch angemerkt wird, dass „die NS-Geschichte bei vielen Deutschen in Wahrheit nicht wirklich aufgearbeitete Familiengeschichte“ ist“, dann kann ich nicht anders, als diesem Unsinn zu widersprechen.
Zur Warnung vor Hoecke – der derzeit die Rolle des Teufels verkörpert – fällt mir ein, dass Pfarrer gern und häufig den Teufel an die Wand malten, wenn jemand nicht parierte. Ich hatte gehofft, diese Zeiten seien vorbei.
Viel schlimmer empfinde ich das zitieren „der Tätergeneration in unseren Familien“. Ich habe trotz intensiven Bemühens den Begriff sowie eine verbindliche Definition des Begriffs „Tätergeneration“ nicht gefunden. Ich weiß aber, dass es sich dabei um eine der wirkungsvollsten Abschreckungswaffen handelt, wenn Unfügsame zum Schweigen gebracht werden sollen. Mir (Jahrgang 1935) ist klar, dass ich zur Tätergeneration gehöre und dass ich mich nicht damit herausreden kann, dass niemand in meiner Familie Mitglied der NSDAP, der SA oder der SS war und mein Vater zwangsweise zur Wehrmacht eingezogen wurde. Darauf können natürlich die Verfechter des Edlen und Guten nicht Rücksicht nehmen, so wie Stalin und Mao auch 20 und 60 Millionen Menschen liquidieren mussten, um die Arbeiter und Bauern zu beglücken. Dass unter den Opfern besonders viele Bauern und Arbeiter waren, ließ sich nicht vermeiden.
Besonders beunruhigt mich, dass neben der Tätergeneration, die mindestens zehn Millionen Deutsche betrifft, auch gleich deren Familien irgendwie einbezogen werden und von ihnen erwartet wird, dass sie „ihre Eltern und Großeltern befragen und hinterfragen“. Das haben die großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts auch mit Erfolg getan. Viele der Befragten landeten im KZ oder GULAG, weil unwissende Kinder oder Enkel sich auszeichnen oder interessant machen wollten
Noch eine wichtige Frage: Bleibt es bei der einen Tätergeneration, oder wird sie ausgeweitet, weil 13 Jahrgänge (1933 – 1945) ja nur eine knappe halbe Generation sind, die noch dazu täglich kleiner wird? Es wird wohl nur eine Ausweitung auf die Jahrgänge bis 1900 möglich sein, denn eine Verlängerung bis 1960 würde ja zur Folge haben, dass alle wichtigen Repräsentanten unseres Landes als Mitglieder der Tätergeneration die Gedenkreden halten würden. Ich bin gespannt, wie man dieses Problem löst.
Abschließend möchte ich einen Vorschlag „zur Gestaltung eines würdigen Erinnerns jenseits hohler Rituale“ unterbreiten. Die Veranstalter könnten jedes Jahr ein anderes Opfervolk in den Mittelpunkt ihrer Gedenkfeiern stellen. Es gibt ja genügend. Damit würden die jährlich wiederholenden gleichen Bilder, Geschichten und Phrasen vermieden und allen interessierten Menschen bewusst, wieviel, wo und wie Böses entsteht und was hätte getan werden können, um es abzuwenden oder zu begrenzen. Dabei sollten aktuelle und historische Ereignisse abwechseln. Ob damit unsere Welt besser wird, bleibt zu hoffen; Auf jeden Fall würde sie gerechter.

Egon Kerst,
Schwalbach

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