24. Juli 2020

Außergewöhnliche Open-Air-Lesung mit Michael Quast auf einem Parkplatz

Das hätte auch Stoltze gefallen

Gestenreich rezitierte Michael Quast auf der Parkplatzbühne die Werke von Friedrich Stoltze. Foto: Schlosser

„Dort, wo sonst die Autos rollen und Fußballer dem Ball nachtrollen, dort – und nicht im dunklen Saale – hörte man Reime von ´nem Mann mit kahle Haare.“ So oder ähnlich hätte wahrscheinlich Friedrich Stoltze die gestrige Lesung mit seinen Werken beschrieben. Bericht mit Video

Denn so absurd-komisch wie die Geschichten des Frankfurter Dichters, so absurd-komisch waren auch die Umstände, unter denen Volksschauspieler und Rezitator Michael Quast die Reimereien Stoltzes vortrug, der schon vor 160 Jahren mit der buchstäblich spitzen Feder so manchen Satz niederschrieb, den auch heutige Satiriker in die Tastatur tippen könnten.

Hinter ihm ein Komet – den freilich niemand sehen konnte – vor ihm ein Publikum, das in Vierer-Grüppchen auf Bierbänken saß, die exakt zwei Meter Abstand hatten. Als dann noch in der Ferne ein Martinshorn erklang, gerade als es in einem Stoltze-Gedicht um die Polizei ging, da musste auch Michael Quast unvermittelt lachen, obwohl er eigentlich jede Pointe seines Idols aus dem 19. Jahrhundert kennt.

 

So gesehen hätte es keinen besseren Rahmen für die Stoltze-Lesung geben können, die die Kulturkreis GmbH auf dem Parkplatz an den Sportplätzen am Albert-Richter-Weg veranstaltet hatte. Relativ kurzfristig hatten Anke Kracke und ihr Team die Lesung als eine Art Corona-Notprogramm auf die Beine gestellt und Michael Quast sagte gerne zu. „Ach dieses herrliche Geräusch“, sagte er am Ende, als das Publikum zum großen Schlussapplaus ansetzte.

Michael Quast zeigte einmal mehr, dass er „seinen“ Stoltze mehr oder weniger verinnerlicht hat. Die Gedichte und Geschichten trug er mit wechselnden Stimmen und ausufernden Gesten geradezu szenisch vor. Und selbst seine Erläuterungen über die Verhältnisse im alten Frankfurt, ohne die die Texte heute nicht mehr zu verstehen sind, waren so unterhaltsam wie die Reime selbst.

Anderthalb Stunden verblüffte Michael Quast sein Publikum mit hessischer Prosa, die erstaunlich aktuell klang. Denn schon zu Stoltzes Zeiten gab es Wirtschaftskrisen, Krankheiten, Weltuntergangsstimmung und einen Kometen. Und so erkannten sich viele in den Weisheiten wieder, die der Frankfurter Dichter schon vor 150 Jahren zu Papier gebracht hatte.

Die Lesung bildete den Auftakt einer kleinen Reihe von Open-Air-Veranstaltungen der Kulturkreis GmbH. Am Donnerstag, 30. Juli, folgen um 18 Uhr und um 20.30 Uhr zwei Auftritte des „Bordwalk Theaters“ mit Varieté und Kleinkunst. Am Donnerstag, 6. August, spielen ab 20 Uhr die „Wonderfrolleins“ auf der kleinen Bühne auf dem Parkplatz. Kostenlose Tickets gibt es unter www.ticket-regional.de im Internet oder in der Geschäftsstelle der Kulturkreis GmbH im Rathaus. MS

Ein Gedanke zu „Das hätte auch Stoltze gefallen

  1. Michael Quast : „Stoltze für Alle“
    Eine solche Lesung, bei der Text geradezu explodiert und die Sprache ein schillerndes Feuerwerk abgibt, habe ich mir immer gewünscht. Feddisch!

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