11. November 2021

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

Colm Toibin erzählt in seinem neuen Werk „Der Zauberer“ das Leben von Thomas Mann als Roman. „Crossroads“ von Jonathan Franzen ist ein Roman über eine Familie am Scheideweg. Ein einzigartiges popkulturelles Spiel mit dem Belgrad der Neunziger ist Barbi Markovićs „Die verschissene Zeit“.

 

„Der Zauberer“

Colm Toibin erzählt mit einmaliger Empathie das Leben von Thomas Mann als Roman. Von der Kindheit in Lübeck bis zur Heirat in München, von der Gegnerschaft gegen die Nazis bis zum amerikanischen Exil.

Wie viele Gesichter hatte der weltberühmte Autor und Familienvater, der sein Gefühlsleben verborgen hielt, zerrissen zwischen homosexuellem Begehren und familiärem Pflichtgefühl, zwischen der Wonne der Bürgerlichkeit und der künstlerischen Askese? Selten wurde so feinfühlig, vorurteilslos und mit frappierender Leichtigkeit über den legendären Schriftsteller und seine schillernde Familie geschrieben. Ein Künstlerroman, wie man ihn in Deutschland noch nie gelesen hat.

Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman „Der Süden“ (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem IMPAC-Preis.

Colm Tóibín: „Der Zauberer“
Übersetzt von Giovanni Bandini
Hanser, 2021. 560 Seiten, 28 Euro.

 

„Crossroads“

Es ist der 23. Dezember 1971, und für Chicago sind Turbulenzen vorhergesagt. Russ Hildebrandt, evangelischer Pastor in einer liberalen Vorstadtgemeinde, steht im Begriff, sich aus seiner Ehe zu lösen – sofern seine Frau Marion, die ihr eigenes geheimes Leben lebt, ihm nicht zuvorkommt. Ihr ältester Sohn Clem kehrt von der Uni mit einer Nachricht nach Hause zurück, die seinen Vater moralisch schwer erschüttern wird. Clems Schwester Becky, lange Zeit umschwärmter Mittelpunkt ihres Highschool-Jahrgangs, ist in die Musikkultur der Ära ausgeschert, während ihr hochbegabter jüngerer Bruder Perry, der Drogen an Siebtklässler verkauft, den festen Vorsatz hat, ein besserer Mensch zu werden. Jeder der an einem Scheideweg stehenden Hildebrandts sucht eine Freiheit, die jeder der anderen zu durchkreuzen droht.

Jonathan Franzen, 1959 geboren, erhielt für seinen Weltbestseller „Die Korrekturen“ 2001 den National Book Award. Er veröffentlichte außerdem die Romane „Die 27ste Stadt“, „Schweres Beben“, „Freiheit“ und „Unschuld“, das autobiographische Buch „Die Unruhezone“, die Essaysammlungen „Anleitung zum Alleinsein“, „Weiter weg“ und „Das Ende vom Ende der Welt“ sowie „Das Kraus-Projekt“ und den Klima-Essay „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“. Er ist Mitglied der amerikanischen Academy of Arts and Letters, der Berliner Akademie der Künste und des französischen Ordre des Arts et des Lettres. 2013 wurde ihm für sein Gesamtwerk der WELT-Literaturpreis verliehen, 2015 erhielt er für seinen Einsatz zum Schutz der Wildvögel den EuroNatur-Preis. Er lebt in Santa Cruz, Kalifornien.

Jonathan Franzen: „Crossroads“
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Rowolth Buchverlag, 2021. 832 Seiten, 28 Euro.

 

„Die verschissene Zeit“

Belgrad, 1995: Marko, seine Schwester Vanja und Kasandra aus der Roma-Siedlung leben im „riesigen psychowirtschaftlichen Desaster“ der 90er-Jahre – einem Teufelskreis aus Armut, Gewalt, Inflation, Drogen und neuen Technologien. Doch gibt es in diesem genialen Roman auch Gangs und Dealer, einen verrückten Wissenschaftler und eine Zeitmaschine, eine Balkan-Pop-Ikone und schrägen Sex, es gibt Bombardements und Zerstörung, aber auch Musik und Freundschaft. Und als die drei Jugendlichen in das Kriegsjahr 1999 katapultiert werden, begreifen sie, dass sie ihre Stadt aus den verheerenden 90ern befreien müssen. In einer rasanten Verfolgungsjagd versuchen sie, den Schlüssel zur Zeitschleife zu finden und Geschichte neu zu schreiben.

Barbi Marković, geboren 1980 in Belgrad, studierte Germanistik, lebt seit 2006 in Wien, 2011/2012 als Stadtschreiberin in Graz. 2009 machte Marković mit dem Thomas­Bernhard­-Remix­-Roman „Ausgehen“ Furore. 2016 erschien der Roman „Superheldinnen“, für den sie den Literaturpreis Alpha, den Förderpreis des Adelbert­-von­-Chamisso­-Preises sowie 2019 den ­Priessnitz­-Preis erhielt. 2017 las Barbi Marković beim Bachmann­-Preis, 2018 wurde „Super­heldinnen“ im Volkstheater Wien aufgeführt.

Barbi Marković: „Die verschissene Zeit“
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Residenz Verlag, 2021. 304 Seiten, 24 Euro.

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