22. November 2021

Eike Hennig berichtete über die tragische Lebensgeschichte von Hermann Heller

Ein vergessener Wissenschaftler

Der emeritierte Professor Eike Hennig, referierte über die „Vertreibung und Vernichtung jüdischer Wissenschaftler am Beispiel Hermann Heller“. Foto: Pabst

Einerseits war es ein Heimspiel für den emeritierter Professor der Politik, Eike Hennig, der seit Jahrzehnten in Schwalbach lebt, andererseits gab es viele neue Gesichter, die im Corona-gerecht ausgestatteten Kirchenraum der Evangelischen Limesgemeinde zu dem Vortrag „Vertreibung und Vernichtung jüdischer Wissenschaftler am Beispiel Hermann Heller“ gekommen waren.

Bei beiden Gruppen war die Neugierde groß. Eike Hennig gelang es, das Publikum in die tragische Lebensgeschichte eines herausragenden Wissenschaftlers mit hineinzunehmen. Am Beispiel Hermann Hellers wurde veranschaulicht, welches Elend der Nationalsozialismus von Anfang an verbreitet hat, wie sehr er in Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten sich durchsetzt, wie viele „normale Bürger“ daran beteiligt sind. Er bereitete die verschiedenen Etappen des Lebens von Hermann Heller auf, seine wissenschaftliche Bedeutung und seinen am Ende erfolglosen Kampf um Demokratie und Rechtstaatlichkeit.
Hermann Heller entstammt einer jüdischen Familie im österreichisch-ungarischen Teschen. Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter kam aus einer angesehenen Wiener Familie. Nach dem Abitur 1910 studierte Heller Rechtswissenschaften unter anderem in Graz und Kiel bei Gustav Radbruch. Er meldete sich freiwillig zum Krieg und wurde im Winter 1915 in den Karpaten schwer verwundet. Dabei zog er sich ein schweres Herzleiden zu.
1915 promovierte Hermann Heller in Graz. 1920 habilitierte er sich bei Gustav Radbruch an der Universität Kiel. In der Weimarer Republik profilierte er sich von Anfang an als konsequenter Verfechter der Demokratie und hatte bereits als Schüler mit dem „Austromarxismus“ Bekanntschaft gemacht. Er betätigte sich in der Arbeiterbildung und trat in der SPD für den Verzicht auf dogmatische Revolutionsentwürfe ein. Von 1926 bis 1928 war er als Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin tätig.
Nach einer Professur in Berlin (1928) wurde Hermann Heller 1932 zum Ordinarius für „Öffentliches Recht“ an der Universität Frankfurt am Main berufen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung musste er als Jude die Universität verlassen. Vor allem in Berlin kommt es zum Streit mit der Fakultät, der alle Beteiligten Kraft kostet. Neben der Frankfurter Professur vertritt Heller die SPD-Fraktion des preußischen Landtags gegen die „Gleichschaltung“ des Landes, gegen diesen wichtigen Schritt auf dem Weg zum „Dritten Reich“. Er starb am 5. November 1933 mit 42 Jahren als gedemütigter und ins Exil gehetzter Wissenschaftler nach einem schweren Herzanfall im Exil.
Eike Hennig zeigte eindrucksvoll Hellers kämpferischen Geist. „Heller irritiert, viele provozieren ihn, er provoziert viele, wird ‚Straßenredner‘ mit gesteigerter Lautstärke, Spiralprozesse schaukeln sich auf“, erklärt Eike Hennig. Für Carl Schmitt, seinen Antipoden in der Staatsrechtslehre, sei er „der beste Kopf in Deutschland“ gewesen. Hermann Heller, das arbeitete Eike Hennig heraus, „erkennt früh die faschistische Gefahr und er stellt das Bürgertum vor die Alternative ‚Sozialer Rechtsstaat oder faschistische Diktatur‘“.
Die „langsame Erosion des Rechtsstaates“ traf Heller und viele seiner jüdischen Kollegen und ihre Familien mit voller Härte. Mit dem verfassungswidrigen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933“ wurden sie entlassen, ihrer Bezüge beraubt, ihre Bücher verbrannt und zuletzt vernichtet. An den Universitäten, gegen Professoren jüdischer Herkunft, beginnt dies 1933, gleich nach der „Machteinsetzung“, toleriert von den konservativen Koalitionspartnern.
Hermann Heller konnte zwar noch rechtzeitig emigrieren, stirbt aber nach all den Kränkungen an den Spätfolgen der Verwundung im Ersten Weltkrieg. Hellers Analysen sind, das zeigte Eike Hennig eindrucksvoll, auch heute wichtig. Es bedarf eines konsequenten Eintretens für Rechtsstaatlichkeit und soziale Gleichheit. Auch heute, das zeigt das Wirken von Hermann Heller, muss sich das Bürgertum entscheiden. Es bedarf konsequenter Rechtsstaatlichkeit gegenüber „Gewaltideologen“ und des Einsatzes für Bildung und soziale Angleichung, das Hermann Heller als offene Verfassungspolitik im sozialen Rechtsstaat zusammenfasst.
Der Vortrag von Prof. Eike Hennig wird in den nächsten Tagen auf der Webseite der CJZ www.cjz-maintaunus.de nachzulesen sein. red

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