13. Januar 2022

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

Michel Houellebecq schreibt in seinem neuen Werk „Vernichten“ wieder über die drängenden Themen unserer Zeit. Andrea Camilleris „Rendezvous mit Tieren“ ist ein liebevoll illustriertes Plädoyer für einen würdigen Umgang mit Tieren. In seinem Sachbuch „Allein“ setzt sich Daniel Schreiber mit der Komplexität und allen Facetten des Alleinseins auseinander.

 

„Vernichten“

Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere als einfach. Er und seine Frau Prudence leben zwar noch zusammen, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Selbst die Fächer im Kühlschrank sind getrennt. Während Juge um seine Kandidatur kämpft, kann Paul entscheidende Hinweise für die Aufklärung der Anschläge liefern. Doch letztlich verliert Juge gegen einen volksnahen ehemaligen Fernsehmoderator, und die Erkenntnisse aus Pauls Recherche sind nicht minder niederschmetternd für die Politik des Landes. Als Paul von seiner Arbeit freigestellt wird, kommt es zu einer Annäherung zwischen ihm und seiner Frau und die beiden finden wieder zueinander. Ein unerwartetes, wenn auch fragiles Glück.

Michel Houellebecq, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Für den Roman „Karte und Gebiet“ (2011) erhielt er den renommierten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Sein Roman „Unterwerfung“ (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien „Serotonin“ (2019).

Michel Houellebecq: „Vernichten“
Übersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek
DuMont Buchverlag, 2022. 624 Seiten, 28 Euro.

 

„Rendezvous mit Tieren“

Andrea Camilleri liebte Tiere: Sein toskanisches Landhaus und seine Wohnung in Rom waren immer bevölkert von Hunden, Katzen und Vögeln. Kein Tier war gekauft, alle waren der Familie zugelaufen. Oder zugeflogen, wie die beiden Vögel Pimpigallo und der Distelfink: Der Wellensittich lernt nicht nur, den Gesang des Distelfinks nachzuahmen, sondern auch Camilleris tiefe Stimme.

Auf der Terrasse von Camilleris Landhaus erscheint eines Sommers eine harmlose Natter, Don Gaetano genannt, und wird zum jahrelangen Hausgast. Den Kater Barone rettet Camilleri vor Jungen, die mit ihm Fußball spielen. Sein Rückgrat ist gebrochen, der Tierarzt verbindet ihn wie eine Mumie und gibt ihm noch zwei Jahre. Doch Barone, wie er wegen seines vornehmen Wesens getauft wird, lebt 18 Jahre bei der Familie.

Darüber hinaus erzählt dieses liebevoll illustrierte Buch von betrunkenen Schweinen und verpatzten Jagdausflügen, weil die Tiere zu schlau sind. Und von einer unglaublich schönen Tigerfrau, in die Camilleri sich verliebt, die ihm aber leider immer nur ihr Hinterteil zeigt.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren. Er war Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Seine erfolgreichste Romanfigur ist der sizilianische Commissario Montalbano. Insgesamt verfasste Camilleri mehr als 100 Bücher und galt als eine kritische Stimme in der italienischen Gegenwartsliteratur. Andrea Camilleri war verheiratet, hatte drei Töchter und vier Enkel und lebte in Rom. Er starb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

Andrea Camilleri: „Rendezvous mit Tieren“
Übersetzt von Annette Kopetzki
Kindler Verlag, 2021. 176 Seiten, 22 Euro.

 

„Allein“

Zu keiner Zeit haben so viele Menschen allein gelebt, und nie war elementarer zu spüren, wie brutal das selbstbestimmte Leben in Einsamkeit umschlagen kann. Aber kann man überhaupt glücklich sein allein? Und warum wird in einer Gesellschaft von Individualisten das Alleinleben als schambehaftetes Scheitern wahrgenommen?

Im Rückgriff auf eigene Erfahrungen, philosophische und soziologische Ideen ergründet Daniel Schreiber das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Rückzug und Freiheit und dem nach Nähe, Liebe und Gemeinschaft. Dabei leuchtet er aus, welche Rolle Freundschaften in diesem Lebensmodell spielen: Können sie eine Antwort auf den Sinnverlust in einer krisenhaften Welt sein? Ein zutiefst erhellendes Buch über die Frage, wie wir leben wollen.

Daniel Schreiber, 1977 geboren, ist Autor der Susan-Sontag-Biografie „Geist und Glamour“ (2007) sowie der hochgelobten und viel gelesenen Essays „Nüchtern“ (2014) und „Zuhause“ (2017). Er lebt in Berlin.

Daniel Schreiber: „Allein“
Hanser Berlin Verlag, 2021. 160 Seiten, 20 Euro.

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