4. Mai 2023

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

Angelika Overath erzählt in ihrem Roman „Unschärfen der Liebe“ eine west-östliche Fahrt durch den Balkan. „Diesseits der Mauer“ von Katja Hoyer eröffnet einen neuen Blick auf das Leben in der DDR. Tom Mustill beschreibt in „Die Sprache der Wale“ wie neueste Technologien unser Wissen über das verborgene Leben der Wale radikal verändern.

 

„Unschärfen der Liebe“

Als Baran im schweizerischen Chur den Zug besteigt, ahnt er bereits, dass nichts mehr so sein kann, wie es war. Sein Lebenspartner Cla entfremdet sich ihm. Und auch er hat sich verändert. Er liebt Cla, aber nun hat er die Bündnerin Alva, Clas vorherige Partnerin und Mutter ihres gemeinsamen Kindes Florinda, kennengelernt. Was bedeutet diese unerwartete Nähe? Je länger Baran aus dem Zugfenster schaut, hinter dem die Landschaften ihr Gesicht wechseln, je vertrauter ihm die Menschen in den Abteilen werden mit ihren Geschichten, desto mehr mischen sich Erinnerungen und gegenwärtiges Erleben. Orte und Zeiten gehen ineinander über. Im Nachtzug von Sofia nach Istanbul bricht eine Entscheidung auf, die am Ende alle überraschen muss.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, „Sie dreht sich um“ und „Ein Winter in Istanbul“ geschrieben. „Flughafenfische“ wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Angelika Overath: „Unschärfen der Liebe“
Luchterhand, 2023. 224 Seiten, 22 Euro.

 

„Diesseits der Mauer“

War die DDR ein graues Land voller hoffnungsloser Existenzen? Die renommierte Historikerin Katja Hoyer zeigt in ihrem überraschenden Buch auf profunde und unterhaltsame Weise, dass das andere Deutschland mehr war als Mauer und Stasi.

Die Geschichtsschreibung der DDR wird bis heute vom westlichen Blick dominiert. Mit dem Fokus auf die Verfehlungen der Diktatur wird dabei oft übersehen, dass die meisten der 16 Millionen Einwohner der DDR ein relativ friedliches Leben mit alltäglichen Problemen, Freuden und Sorgen führten. Die Mauer schränkte die Freiheit ein, aber andere gesellschaftliche Schranken waren gefallen.

Katja Hoyer schildert jetzt vierzig Jahre deutschen Sozialismus aus der Sicht derer, die ihn selbst erlebt haben. Dafür führte sie zahlreiche Interviews mit ehemaligen Bürgern der DDR aus allen Schichten. Das Ergebnis ist eine neue Geschichte der DDR, die nichts beschönigt, aber den bisherigen Blick auf die DDR auf ebenso lebendige wie erstaunliche Weise erweitert, präzisiert und erhellt.

Katja Hoyer wurde 1985 in der DDR geboren. Nach dem Geschichtsstudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ging sie nach England. Dort kommentiert sie u.a. für die BBC, den Telegraph und den Spectator geschichtliche und politische Themen. Heute forscht sie am King’s College London und ist Fellow der Royal Historical Society. Als Kolumnistin der Washington Post schreibt sie regelmäßig über deutsche und europäische Gesellschaft und Politik. Ihr erstes Buch „Blood and Iron. The Rise and Fall of the German Empire 1871-1918“ wurde von der Kritik gefeiert und war eines der besten Bücher des Jahres 2021 (Financial Times).
 
Katja Hoyer: „Diesseits der Mauer“
Übersetzt von Franka Reinhart und Henning Dedekind
Hoffmann und Campe, 2023. 592 Seiten, 28 Euro.

 

„Die Sprache der Wale“

Nachdem er den Zusammenstoß mit einem Buckelwal nur knapp überlebt hat − das Video, wie dieser direkt vor ihm in die Höhe schießt und auf seinem Kajak landet, ging viral −, lässt Filmemacher Tom Mustill die Faszination nicht mehr los. Er besucht Wissenschaftler:innen und Expert:innen auf der ganzen Welt, sammelt unzählige Geschichten über Begegnungen zwischen Mensch und Wal und erkennt: Wir beginnen gerade erst, diese hochintelligenten Meeressäuger zu erforschen und zu verstehen.

Der Kommunikationssinn der Wale ist extrem ausgeprägt: Ihr vielfältiger Gesang entwickelt sich wie Sprache ständig weiter. Dank neuester Technologie gibt es inzwischen Möglichkeiten, Walgeräusche auch in entlegensten Gewässern aufzuzeichnen, mit künstlicher Intelligenz auszuwerten und Muster zu entdecken, die kein menschliches Ohr wahrnehmen würde. Doch das ist erst der Anfang. Tom Mustill zeigt, dass sich tatsächlich eine Revolution in der Tierkommunikation anbahnt − und was das für unsere Welt bedeuten könnte.

Tom Mustill, geboren 1983, ist Biologe, Filmemacher und Autor. Seine Filme − viele in Zusammenarbeit mit Greta Thunberg und David Attenborough − wurden international vielfach ausgezeichnet, u.a. mit zwei British Academy Film Awards und einer Emmy-Nominierung. Er lebt mit Frau und Tochter in London.
 
Tom Mustill: „Die Sprache der Wale“
Übersetzt von Christel Dormagen
Rowohlt Buchverlag, 2023. 400 Seiten, 24 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert