23. November 2023

Die Buchtipps der Schwalbacher Zeitung

Lesestoff

Paul Austers neuer Roman „Baumgartner“ ist eine Mut machende Betrachtung der letzten Lebensjahre, die sich der Endlichkeit alles Irdischen stoisch bewusst ist. Gianna Milani veröffentlicht mit „Commissario Tasso treibt den Winter aus“ den dritten Band aus ihrer Reihe „Die Aurelio-Tasso-Krimis“. Was passiert, wenn Goethe plötzlich Angst hat vor dem leeren Blatt? Die Antwort gibt Charles Lewinsky in seinem Roman „Rauch und Schall“.

 

„Baumgartner“

Professor Sxdney T. Baumgartner, unter Freunden Sy, ist ein über siebzigjähriger emeritierter Phänomenologe aus Princeton, der sich dem Schreiben philosophischer Bücher und, zunehmend, seinen Jugendreminiszenzen widmet: seiner kleinbürgerlichen Herkunft aus Newark; der schwierigen Ehe der Eltern, dem Collegebesuch und einem Studienaufenthalt in Paris; schließlich der wie ein Blitz einschlagenden Liebe zur Übersetzerin und Dichterin Anna, mit der er die glücklichsten Jahre verbrachte, bevor sie vor zehn Jahren einem Badeunfall zum Opfer fiel.

Annas Tod hat ein tiefes Loch in seinem Leben hinterlassen, das aller Pragmatismus, alle Selbstironie nicht füllen kann. Denn Anna war wirklich das, was man seine bessere Hälfte nennt. Eines Tages, um sich zu trösten, wagt sich Sy endlich in ihr Arbeitszimmer, das er seit ihrem Tod nicht betreten hat.

Eine Mut machende, tröstliche und optimistische Betrachtung der letzten Lebensjahre, die sich der Endlichkeit alles Irdischen stoisch bewusst ist.

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen Romanen Im Land der letzten Dinge und der New-York-Trilogie. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen auch Essays und Gedichte sowie Übersetzungen zeitgenössischer Lyrik.

Paul Auster: „Baumgartner“
Übersetzt von Werner Schmitz
Rowohlt Buchverlag, 2023. 208 Seiten, 22 Euro.

 

„Commissario Tasso treibt den Winter aus“

Februar 1963: Etwas widerwillig besucht Aurelio Tasso den Egetmann–Umzug in Tramin, bei dem traditionell der Winter ausgetrieben wird. Vor allem die hölzernen Schnappviecher flößen Tasso Respekt ein. Dann wird mitten in der Menge ein junger Mann umgebracht. Niemand will etwas gesehen haben. Die Möglichkeit, es könne ein Unglück gewesen sein, ist schnell vom Tisch, Beschuldigungen werden ausgesprochen. Sogar ein Schnappviech wird verdächtigt. Mit Hilfe von Mara Oberhöller versucht Tasso tapfer, die vielen verschiedenen Fäden zu entwirren, aber er muss erst einige Knoten lösen, bevor er den Mörder findet.

Gianna Milani ist das Pseudonym der deutschen Autorin Diana Menschig, die sich seit vielen Jahren für Südtirol und seine wechselvolle Geschichte interessiert. Dabei haben es ihr besonders die sagenhaften Dolomiten angetan. Ein Haus in Norditalien wäre ihr Traum, bis dahin schreibt sie Bücher über ihre Lieblingsregionen.

Gianna Milani: „Commissario Tasso treibt den Winter aus“
Lübbe Belletristik, 2023. 317 Seiten, 15 Euro.

 

„Rauch und Schall“

Goethe kommt zurück aus der Schweiz und hat zu Hause in Weimar plötzlich eine Schreibblockade. Da kann sein kleiner Sohn August noch so still sein und seine Frau Christiane noch so liebevoll um sein Wohl besorgt. Ausgerechnet sein Schwager Christian August Vulpius, ebenfalls Schriftsteller und von Goethe verachteter Viel- und Lohnschreiber, kommt ihm in dieser Situation zu Hilfe. Zu einer Hilfe, die Goethe nicht will und doch dringend braucht.

Was passiert, wenn Goethe plötzlich Angst hat vor dem leeren Blatt? Wird der „Faust“ nie vollendet? Was ist mit der Feierlichkeit am Hof, für die man ein Festspiel von ihm erwartet? Muss die Geschichte der klassischen deutschen Literatur neu geschrieben werden? Oder kann ihm sein ebenfalls schreibender Schwager aus der Patsche helfen, auch wenn der bisher immer nur Trivialliteratur produziert hat? Charles Lewinsky erfindet sich mit jedem Buch neu – und diesmal auch gleich noch den großen Kollegen Goethe. Minuziös recherchierte Fakten, versetzt mit fantasievollen Lügen, ergeben ein kleines Traktat über das Schreiben – und einen großen Spaß zum Lesen.

Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman „Melnitz“. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. „Der Halbbart“ war nominiert für den Schweizer und den Deutschen Buchpreis. Sein Werk erscheint in 16 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux, Frankreich, und im Winter in Zürich.

Charles Lewinsky: „Rauch und Schall“
Diogenes, 2023. 304 Seiten, 25 Euro.

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