12. Mai 2017

Michael Molter referierte beim Arbeitskreis WiTechWi über die chemische Fabrik Griesheim

Die Geschichte einer Fabrik

Dr. Michael Molter bei seinem Vortrag im Bürgerhaus. Foto: Kulturkreis GmbH

Am Mittwoch vergangener Woche referierte Dr. Michael Molter in der „WiTechWi“-Reihe über die Geschichte der chemischen Industrie in Deutschland an Hand des Beispiels der Fabrik in Griesheim.

Diesmal trafen sich zahlreiche Interessierte im Gruppenraum 7+8 des Bürgerhauses. Michael Molter, der viele Jahre in leitender Funktion in der chemischen Fabrik Griesheim war, berichtete über die spannende Geschichte des Werkes. Immer wieder entwickelten sich aus scheinbaren Abfallprodukten der Produktion innovative Geschäftsfelder.
Begonnen hat alles im Jahre 1856, als der Chemiker und frühere Apotheker Ludwig Baist die „Frankfurter Actiengesellschaft für landwirtschaftlich chemische Fabrikate“ gründete. Zunächst wurden „Knochendünger“ und Kupfervitriol sowie Soda hergestellt. Doch nach wenigen Jahren wurde die Düngerproduktion unwirtschaftlich. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich wurde in Deutschland aufgerüstet. Säuren wurden in den 1870er-Jahren und später zur Herstellung von Dynamit gebraucht. Eine eigene Produktion von Sprengstoff wurde gegen den Willen des neuen Firmenchefs Ignatz Stroof eingerichtet. Das führte später im Jahr 1901 zu einer verheerenden Explosion im Werk Griesheim mit zahlreichen Toten und Verletzten.
Da bei der Erzeugung von Natronlauge und Chlor durch Elektrolyse auch Wasserstoff als „Abfall“ entstand, wurde er zunächst zur Füllung für Ballons der Armee verwendet. Später entwickelte Ernst Wiss die Idee, mit Wasserstoff und Sauerstoff Eisen zu schweißen und zu schneiden. Das Autogenschweißen war erfunden. Der zum Schweißen nötige Sauerstoff wurde aus der Luft durch Trennung ihrer Bestandteile gewonnen. Die anderen Bestandteile der Luft, wie Stickstoff und Edelgase, die zunächst auch als Abfallprodukte anfielen, wurden als „Schutzgase“ beim Schweißen verwendet. Das Neon fand eine weitere überraschende Verwendung: in der von Phillip Siedler erfundenen Neonröhre. 1912 erfand Fritz Klatte in Griesheim die Kunststoffe PVC und PVA.
1905 kaufte man die Firma „Anilin- und Anilinfarbenfabrik Karl Oehler“ in Offenbach. Griesheim war nun Farbenproduzent. Folgerichtig wurde das Werk 1925 Teil der neu gegründeten IG Farben. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die chemische Produktion wieder aufgenommen. Im Jahre 1952 wurde die Fabrik in Griesheim Teil der Farbwerke Hoechst AG. Ab 1995 führten starke weltwirtschaftliche Veränderungen zur allmählichen Stilllegung von immer mehr Betrieben. Heute gibt es nur noch wenige Arbeitsplätze auf dem alten Werksgelände. Das völlige Ende der chemischen Produktion ist absehbar.
Michael Molter zeigte sehr anschaulich, wie die Umstände der Zeiten die Entwicklung immer neuer Ideen hervorriefen, die immer neue erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklungen zur Folge hatten.
Der nächste Vortrag der WiTechWi-Reihe hat das Thema „Vom Gaskrieg zur Gaskammer – Das Zyklon B, die Degussa und die IG Farbindustrie AG“. Er wird am 14. Juni im kleinen Saal des Bürgerhauses stattfinden. red

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