10. September 2019

Leserbrief

„Schwalbach braucht großen zentralen Ort“

Zum Thema „Unterer Marktplatz“ erreichte die Redaktion nachfolgender Leserbrief von Xavier Bofarull. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruf-Telefonnummer an info@schwalbacher-zeitung.de.

Seit ich in Schwalbach wohne, ist der untere Marktplatz ein wiederkehrendes und strittiges Thema. Verschiedene Aspekte wurden behandelt: die Unsicherheit, die Form und das Design, die der Platz haben sollte, bis hin zum aktuellen Thema der Kastanien.
Meiner Ansicht nach lässt sich keine Lösung für den unteren Marktplatz finden, wenn man ihn isoliert betrachtet. Ich werde versuchen zu erklären, was ich meine.
Wissenschaftler – genauer gesagt deutsche Wissenschaftler – haben die Grundlage für das gelegt, was man in Geografie und Wirtschaft die Theorie der zentralen Orte nennt. Die ersten Studien kann man in den Arbeiten finden, die Johann Heinrich von Thünen durchführte und bereits im 20. Jahrhundert waren es Walter Christaller und August Losch, die die Theorie der zentralen Orte begründeten.
Es ist lange her, dass ich dieses Thema studierte und darüber gearbeitet habe, so dass ich annehme, dass neue Ansätze, Hypothesen und Modelle die Theorie modifiziert und erweitert haben.
Kurz gesagt, die Theorie der zentralen Orte versucht, die Gründe zu finden, die aus einer Stadt, einem Stadtviertel oder einer Straße einen zentralen Ort machen, also einen Ort, der den Einwohnern dieses Gebiets mehr Dienstleistungen bietet, als dessen Umgebung, so dass mehr Einwohner diesen zentralen Punkt aufsuchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
Vor diesem Hintergrund habe ich den Eindruck, dass sich nur eine Lösung für den unteren Martktplatz finden lässt, wenn seine Situation in Schwalbach im Gesamtkontext der Theorie der zentralen Orte betrachtet wird.
Ich glaube, dass es in Schwalbach zwei zentrale Orte gibt, nämlich die Altstadt und den Marktplatz.
Der zentrale Ort „Marktplatz”, das Herz der so genannten Limesstadt, verknüpft wie jeder zentrale Ort verschiedene Dienstleistungsangebote: Cafés, Restaurants, Apotheken, Bibliothek, Geschäfte, Supermärkte, Bäcker, Friseure, Reinigung, Blumenladen, Notariat, Ärzte und vieles mehr. Aber er leidet meiner Meinung nach unter einem großen Problem: seinem Design.
Dieses geht auf ein großes städtebauliches Projekt zurück, das darauf abzielte, ein dringendes Wohnungsproblem zu lösen. Es ist merklich gealtert und passt sich schlecht an die Anforderungen der heutigen Zeit an. Meiner Ansicht nach basiert das Schwalbach, das in den fünfziger und sechziger Jahren gebaut wurde, auf einzelnen Siedlungen, einem Einkaufszentrum und einem Bahnhof, die in erster Linie mit dem Auto erreichbar sind. Ich habe den Eindruck, dass es in letzter Zeit mehr Geschäftslokale gibt, die zu vermieten sind, als würde der Platz als Dienstleistungszentrum langsam „bröckeln”. In diesem Zusammenhang darf auch nicht vergessen werden, welche Konkurrenz das Main-Taunus-Zentrum für einen „zentralen Ort” bedeuten kann.
Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass die Altstadt dank der Angebote im Freizeitbereich zunehmend eine wichtige Rolle als „zentraler Ort” wiedererlangt. Außer einer Bäckerei, Reinigung, Versicherungsagenturen, einer Kunstgalerie und Friseurläden haben sich neue Cafés und Restaurants etabliert, die der Altstadt neuen Schwung geben.
Kurz zusammengefasst, ich glaube das Problem liegt nicht darin, ob auf dem unteren Marktplatz Kastanien oder mehr oder weniger Bäume stehen sollen, sondern dass Schwalbach zwei zentrale Orte hat, die nicht miteinander verbunden sind; zum einen den Marktplatz – der vielleicht einen gewissen Niedergang zu verzeichnen hat – und zum anderen die Altstadt, die eine gewisse Dynamik zurückgewinnt.
Vielleicht ließe sich das Problem des unteren Marktplatzes lösen, wenn man in Schwalbach einen „zentralen Ort” herstellen könnte, der von der Alten Schule bis St. Martin reicht. Das ist gar nicht so abwegig, wenn man an die Bergerstraße in Frankfurt denkt, ein Straßenstück, das als lebendiger zentraler Ort fungiert und eine Länge von 1,7 Kilometer hat, das ist ungefähr die Entfernung, die zwischen Sankt Martin und der Alten Schule liegt.
Zum Schluss möchte ich noch einen Punkt erwähnen, der nicht weniger wichtig ist: Jeder zentrale Ort ist an den Faktor Erreichbarkeit gebunden. Wenn man ihn nicht erreichen kann, verliert er seine Funktion.
In diesem Sinne bin ich der Auffassung, dass Schwalbach noch vor einer zusätzlichen Herausforderung steht. Die Personen, die in den fünfziger und sechziger Jahren jung waren, sind es heute nicht mehr. Ihre Mobilität hat sich deutlich reduziert. Andererseits ziehen junge Paare mit Kindern in die Häuser, die leer werden. Diesen „großen zentralen Ort” zugänglich zu machen für Menschen mit Stock, Rollator, Rollstuhl, Kinderwagen und Einkaufswagen könnte Schwalbachs großes Projekt sein. Ich glaube, dass der untere Marktplatz mitten in diesem ausgedehnten zentralen Ort seine Funktion übernehmen wird und vielleicht werden es die Anwohner und der Besucherstrom sein, die das beste Design für den Platz aufzeigen.

Xavier Arnau Bofarull,
Schwalbach

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