5. Februar 2020

Claudia Ludwig über den Radsportler, nach dem jetzt eine Straße benannt ist

Wer war Albert Richter?

Albert Richter liegt auf dem Ehrenfelder Teil des Melaten-Friedhofs begrbaben – in einem Ehrengrab der Stadt Köln. Foto: Ludwig

Am 25. Januar wurde die Straße „Am Sportplatz“ in „Albert-Richter-Weg“ umbenannt (siehe „Neuer Straßenname“). Die Idee, den vor 80 Jahren ermordeten Weltklasse-Radsportler mit einem Straßennamen zu würdigen, hatte die SPD-Stadtverordnete Claudia Ludwig. In einem Gastbeitrag schreibt sie, wer Albert Richter war.

„Albert Richter, geboren am 14. Oktober 1912 in Köln-Ehrenfeld, war in den 1930er-Jahren ein sehr erfolgreicher Radrennfahrer und Bahnsprinter. Nach dem Gewinn der Amateurweltmeisterschaft 1932 in Rom wechselte er ins Lager der Berufsfahrer und gehörte auch unter den Profis zur Weltspitze. Siebenmal war er Deutscher Meister im Bahnsprint – und nicht nur deshalb zweifelsohne ein Vorzeige-Athlet nach dem Geschmack der Nazis.
Doch der junge Mann aus einfachen Verhältnissen, den alle, die ihn kannten, als sehr angenehmen Menschen mit ausgesprochen freundlichem und fairem Charakter beschrieben, ließ sich nicht von den Machthabern vereinnahmen. Mutig verweigerte er hartnäckig den Hitlergruß und das Hakenkreuz auf seinen Trikots. Er verbrachte viel Zeit in Frankreich, hatte dort nicht nur beim „Grand Prix de Paris“ gesiegt, sondern auch trainiert und viele Freunde gefunden.
Nach Kriegsausbruch und der Besetzung unserer Nachbarländer zeigte sich Richter tief betroffen und verzweifelt: Auf seine Freunde schießen zu müssen, schien ihm undenkbar. Zudem hielt er – solange das möglich war – unerschütterlich an seinen jüdischen Freunden, vor allem an seinem Manager Ernst Berliner, fest.
Als Richter an Silvester 1939 einem anderen in die Schweiz geflüchteten Juden dessen Ersparnisse hinterherbringen wollte, wurde er in Lörrach an der Zollkontrolle entdeckt, festgenommen und ins Gerichtsgefängnis gebracht, das unter der Kontrolle der Gestapo stand. Wahrscheinlich am 2. Januar 1940 wurde Richter von den Nazi-Schergen ermordet. Sein herbeigeeilter älterer Bruder fand ihn am 3. Januar übel zugerichtet in einer Blutlache vor.
Natürlich tat die nationalsozialistische Propaganda alles, um den Tod des prominenten Sportlers zu verschleiern. Doch ihre Lügen („Skiunfall“, „Selbstmord“…) ließen sich kaum aufrecht erhalten, gab es doch Augenzeugen, die beobachtet hatten, wie das Geld in den Reifen von Richters Rennrad gefunden und er abgeführt worden war.
Während Richter in der DDR als Opfer des Nationalsozialismus zum Beispiel durch eine Briefmarke gewürdigt wurde, ist er in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg in Vergessenheit geraten. Erst eine ARD-Dokumentation aus dem Jahre 1990 erzählte seine Geschichte. Für die Journalistin Renate Franz war dieser Film der Anlass, sich mit Richter zu beschäftigen, Zeitzeugen zu befragen und aufwendige Recherchen anzustellen, die sie in ihrem Buch „Der vergessene Weltmeister“ zusammenfasste.
Genau wie Renate Franz bin auch ich Historikerin und eine neugierige Journalistin. Ich bin durch eine Richter-Gedenkstätte in Frankreich auf ihn aufmerksam geworden. Und auch ich wollte dazu beitragen, dass dieser mutige Sportler, der sein Leben für seine jüdischen Freunde riskiert hat nicht vergessen wird.
Im Gegenteil: Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus, Rassismus und Gewalt von rechts besorgniserregend zunehmen, soll Richter uns allen und ganz besonders den Jugendlichen ein Vorbild sein. Und ich hoffe, dass viele von ihnen, seien es Fußballer und Fußballerinnen, BMX-Radkünstlern oder andere Sportlerinnen und Sportler, aber auch zahlreiche Eltern, die ihre Kinder zu unseren Sportstätten bringen oder abholen, oder auch Passanten und Spaziergänger durch das neue Straßenschild und den Gedenkstein, der demnächst noch aufgestellt werden wird,  aufmerksam und neugierig werden auf einen großartigen Mann, der nicht weggeschaut oder gar mitgemacht hat, als die braune Gewaltherrschaft Menschenrechte mit Füßen trat und die Demokratie zu Grabe trug.“ Claudia Ludwig

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