19. Februar 2020

Leserbrief

„Es kann kein zu viel des Guten geben“

Zum Kommentar „Zu viel des Guten“ in der Ausgabe vom 5. Februar erreichte die Redaktion nachfolgender Leserbrief von Dietmut Thilenius. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruf-Telefonnummer an info@schwalbacher-zeitung.de.

Haben wir ein „zu viel des Guten“ durch Gedenkveranstaltungen zum Judenhass, Judenmord? Nein. Die Nachrichten von Hass und Gewalt, Ausgrenzung von Mitbürgern gibt es seit 2000 Jahren in unserem Land. Juden waren als Minderheit den Mächtigen, den regionalen Herrschern auf „Gedeih und Verderb“ ausgeliefert. Zur Zeit Karl des Großen wurden sie beispielsweise als „Regale“ zum Ausplündern und Ausnutzen ihrer oft überdurchschnittlichen Begabungen und Schaffenskraft verkauft. Besitzgier der „christlichen“ Mehrheit, Fremdenhass, Neid, mangelndes Selbstbewusstsein, eigene seelische Verletzungen und mangelndes Mitgefühl führten immer wieder zu Gewaltexzessen einschließlich Morden.
Ich selbst war im November 1938 sieben Jahre alt und meine Eltern waren mit „Nichtariern“ befreundet, gehörten zur bekennenden Kirche im Gegensatz zu den „Deutschen Christen“, die Hitler als oberste Instanz, höher als Gott, anerkannten und deshalb auch nicht im Krieg an der Front kämpfen mussten, sondern auch in Konzentrationslagern ihren „Dienst“ taten. In Bad Soden schlug der Judenhass am 10. November 1938 los. Am Mittag sagte meine Mutter streng und verstört: du verlässt heute unter keinen Umständen das Haus! Ich sah zum ersten Mal meine Mutter weinen, verzweifelt.
Meine Familie hatte in Bad Soden einen Freund mit Haus und Garten, der „Halbarier“ war, seine Mutter war Christin und er in der dritten Generation auch. Er war Jurist und ehrenamtlich für mittellose Frankfurter Jugendliche unterwegs innerhalb des paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der in Frankfurt oberste Jurist, also Parteigenosse, rief vor Losschlagen des Mobs die Bad Sodener NSDAP an, dass Dr. Reiss und sein Anwesen nicht angetastet werden dürften. Das wurde befolgt und ein Telefonanruf von Adolf Reiss erlöste meine Mutter aus ihrer Angst.
In den bangen zwei Stunden stand ich im Zimmer, in dem meine Mutter auf und ab lief, an der Wand und wusste nicht, wie ich ihr helfen kann.
Am nächsten Tag in der Schule standen alle Schüler aufgeregt im Schulhof herum und erzählten sich, was an Gewaltverbrechen an Juden sich in Bad Soden zugetragen hatten. Ich ging anschließend zu den Orten, den Häusern, wo die Nazis gewütet hatten. Die israelitische Kuranstalt war niedergebrannt. Der Ortsgruppenleiter hatte gebrüllt „Die Wanzenbude muss brennen!“ Die Kuranstalt war ein gut gepflegtes Haus mit nagelneuem Röntgengerät.
Der jüdische Arzt Dr. Isserlin war mit seiner Frau bei seinen Patienten geblieben. Nur ihren zwei Kindern hatten sie die Flucht aus Deutschland ermöglicht. Wie ich später erfuhr, hatte Dr. Isserlin arme Bad Sodener umsonst behandelt. Es gab viele Arme. Dem Ehepaar Isserlin gelang die Flucht ins Ausland.

Dietmut Thilenius,
Bad Soden

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