9. Oktober 2020

Leserbrief

„Stadtverordnete sind keine Berufspolitiker“

Zum Artikel „Bürgerbeteiligung stärken“ und zum Kommentar „Chance vertan“ erreichte die Redaktion nachfolgender Leserbrief von Dennis Seeger, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Schwalbacher CDU. Leserbriefe geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Wenn auch Sie einen Leserbrief veröffentlichen möchten, senden Sie ihn unter Angabe Ihrer vollständigen Adresse und einer Rückruf-Telefonnummer an info@schwalbacher-zeitung.de.

Sehr geehrter Herr Schlosser, da Sie das Thema Live-Streams aufgreifen, möchte ich Ihnen dazu eine andere Position aufzeigen. Ja, ich bin – wie Sie – auch fest davon überzeugt, dass viele Bürgerinnen und Bürger – nicht nur in Schwalbach – keine Vorstellung davon haben, wie eine Stadtverordnetenversammlung abläuft. Was schade ist, zeigt es doch, dass dort „ganz normale“ Schwalbacherinnen und Schwalbacher sich für ihre Stadt einsetzen.

Jedoch vermisse einen Fakt, der meines Erachtens dringend Erwähnung finden sollte. Einen Fakt, der, wenn man der letzten Stadtverordnetenversammlung oder den Ausschüssen beigewohnt hat, auch argumentativ durch Vertreter der Fraktionen in unterschiedlicher Weise und nachvollziehbar dargestellt wurde.

So handelt es sich bei allen gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Schwalbacher Fraktionen um Ehrenamtliche. Sie engagieren sich in ihrer Freizeit für ihre Stadt und sind keine ausgebildeten Berufspolitiker, die durch Schulung öffentlicher Kritik mit höchster Professionalität gegenübertreten können und die gelernt haben, ungerechtfertigte Kritik bei Bedarf am unsichtbaren Schutzschild des beruflichen Politiker-Daseins abprallen zu lassen.

Darüber hinaus ist nicht jeder und nicht jede unserer ehrenamtlichen Kommunalpolitiker professionell in Rhetorik geschult. Für einige bedürfen Redebeiträge der sorgfältigsten Vorbereitung und auch die Teilnahme an Diskussionen, die Wahl der Worte und im Moment des Vortrags in der Sitzung im Rampenlicht zu stehen, ist für den einen oder die andere eine kleine Herausforderung – Herausforderungen, denen sich alle Ehrenamtlichen in dem bisherigen Rahmen sehr gerne stellen, um Schwalbach gemeinsam im politischen Diskurs nach vorne zu bringen.

So wünschenswert ein Live-Stream aus rein objektiver Betrachtung sein mag, berücksichtigt Ihre Darstellung eben nicht alle Punkte: Ein Live-Stream könnte einige dazu bringen, sich der Diskussion im politischen Willensbildungsprozess zu entziehen. Das Wissen, dass dort vielleicht mehrere hundert Menschen zuschauen, dass das, was man sagt, aufgezeichnet wird und vielleicht später in einer verunglimpfenden Art in einem Netzwerk auftaucht, kann den Druck auf Einzelne stark erhöhen. Es sind eben nicht nur die Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien, sondern auch die Zeiten von Hate Speech und persönlichen Angriffen.

Auch erscheint es keine Lösung, Streams nur partiell und nach Wunsch des Einzelnen zu übertragen. Täten wir dies, erzeugten wir ein sehr einseitiges Bild. Es wären nur die zu sehen, die sich auf großer Bühne wohlfühlen. Viele, die in den Gremien und der Vorbereitung die gleiche Arbeit leisten und sich in dem analogen Rahmen einer Sitzung auch gerne mit einem Redebeitrag äußern, nicht aber in einem Live Stream zu sehen sein möchten, fielen zwangsläufig hinter denen zurück, die dies tun. So verstehe ich es auch als Solidarität, den Maßstab nicht bei denen anzulegen, die damit kein Problem haben. Und wenn jemand an einem Thema interessiert ist, steht es ihm frei, in die öffentliche Sitzung zu kommen. Dennis Seeger, Schwalbach

Ein Gedanke zu „„Stadtverordnete sind keine Berufspolitiker“

  1. Ich gebe Herrn Seeger recht, wer sich einen Überblick über die Diskussionen und Abstimmungen während der Stadtverordnetenversammlung verschaffen möchte, kann auch persönlich dort erscheinen. Nur einen Vorteil hätte die Übertragung im Netz vielleicht: während der Bürgerfragestunde wären dann vermutlich mehr Parlamentarier anwesend als das bisher immer war.

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